MEINUNGSFREIHEIT AUF TADSCHIKISCH

– Tadschikischer Journalist im Exil über Zensur und Selbstzensur bei der Zeitung “Bisnes” i “Politika”, die in seiner Heimat einen Artikel über die Deutschen Welle mit weißen Lücken im Text veröffentlichte

Köln, 21.6.2002, DW-radio / Russisch

Am 31. Mai dieses Jahres ist die tadschikische Zeitung “Bisnes i politika” in merkwürdiger Form erschienen. Die Textspalten eines Artikels waren hier und da mit seltsamen weißen Lücken durchsetzt, als ob die Zensur große Stücke des Textes herausgeschnitten hätte. Aber bekanntlich gibt es in Tadschikistan keine Zensur. Man könnte den komischen Zwischenfall auf einen Fehler der Druckerei schieben, wenn es nicht ein “Aber” gäbe.

In dem Artikel ging es um unseren Sender, und schon die Überschrift war äußerst vielversprechend: “Dem Ansehen Tadschikistans schaden unsere eigenen Landsleute oder das, was die Deutsche Welle bringt”. Man kann nicht sagen, dass wir darin stark durch den Dreck gezogen werden. Zweck der Veröffentlichung war, von den Problemen Tadschikistans, die von der Deutschen Welle beleuchtet werden, abzulenken und auf die Überzeugungen konkreter Mitarbeiter unserer Redaktion aufmerksam zu machen. Der in Auftrag gegebene Artikel ist auch mit rätselhaften Lücken im Text gespickt.

Wir baten den im Exil lebenden tadschikischen Journalisten und Leiter des Moskauer Zentrums für Extremjournalismus, Oleg Panfilow, jene Veröffentlichung zu kommentieren.

Frage: “Oleg, sagen Sie bitte, welchen Einfluss haben die Sendungen ausländischer Rundfunkanstalten auf das Bewusstsein und die Gefühle der Menschen in Tadschikistan?”

Antwort: “Ich möchte einleitend sagen, dass der Einfluss der eigenen tadschikischen Medien gering ist. Was die westlichen Sender betrifft, so werden sie unterschiedlich bewertet, aber sie sind beliebt, vor allem die Sendungen der Deutschen Welle, von Radio Liberty und der BBC.”

Frage: “Woher kommt dieser Artikel, in dem wir zwar nicht direkt angeschwärzt werden, in dem aber versucht wird, bei den Lesern und Hörern Zweifel an der Objektivität und Aufrichtigkeit unserer Arbeit zu wecken?”

Antwort: “Ich denke, dass die Veröffentlichung des Artikels über die Sendungen der Deutschen Welle, die über die Lage in Tadschikistan berichten, nichts Außergewöhnliches ist. Der Artikel erinnert sehr an sowjetische Artikel, in denen ‚bourgeoise Falsifikatoren‘ entlarvt wurden, aber in gewisser Weise ist er auch Werbung für die Deutsche Welle, da der Artikel mit zwei ‚weißen Flecken‘ erschienen ist.”

Weiße Flecken weisen auf Textauslassungen hin. Ist das ein Novum beim Druck? Ist das Zensur, Selbstzensur oder etwas anderes? Bekanntlich hatten nach der Veröffentlichung Offiziere des tadschikischen Sicherheitsministeriums das Manuskript des Artikel gefordert. Die Redaktion versuchte, alles von sich zu weisen und machte einen angeblich betrunkenen Metteur für den Fehler der Druckerei verantwortlich. Mitarbeiter tadschikischer Geheimdienste fordern jedoch weiterhin von der Redaktion der Zeitung Aufklärung.

Frage an Oleg Panfilow: “Was sagen Sie zu den im Artikel ausgelassenen Absätzen?”

Antwort: “Mitarbeiter unseres Zentrums für Extremjournalismus in Tadschikistan haben herausgefunden, dass die ‚weißen Flecken‘ eine gezielte Aktion der Zeitungsredaktion war und nicht auf Zensur zurückzuführen sind. Sie erklären dies damit, dass der Artikel einige Absätze enthalten sollte, die bei der Staatsmacht zusätzliche Fragen hervorgerufen hätten und der Zeitung hätten schaden können. Einerseits kann man dies als Selbstzensur bezeichnen und andererseits stellt dies einen mutigen Schritt dar, weil nicht jede Zeitung auf diese Weise versucht, auf die spezifischen Beziehungen zwischen der Staatsmacht und der Presse aufmerksam zu machen.”

Frage: “Autoritäre Regime haben zu allen Zeiten die freie Presse auf zwei Wegen bekämpft: Entweder verschwiegen sie unbequeme Publikationen, oder sie gingen gegen sie vor. Da es unmöglich ist, gegen westliche Medien vorzugehen, wurden wir meistens ignoriert – das ist die Erfahrung der Deutschen Welle. Warum haben jetzt die Initiatoren des Artikels in der Zeitung “Bisnes i politika” ihre Taktik geändert?”

Antwort: “Ich denke, wir haben es hier in erster Linie mit Dummheit zu tun, wahrscheinlich mit der Dummheit der Beamten, auf die dieser Artikel abzielt. Ich zweifele nicht an der Tatsache, dass der Artikel in Auftrag gegen wurde. Die Dummheit besteht darin, dass diejenigen, die sich mit der Ideologie befassen, zwei Wege wählen. Entweder schweigen sie, oder sie werden aktiv. Mir scheint, dass dieser Artikel auf den Diensteifer von Journalisten und Beamten zurückzuführen ist, die auf diese Weise zeigen wollen, dass gesagt werden muss, dass die Deutsche Welle Verleumdung betreibt. Die Beamten der ehemaligen kommunistischen Nomenklatura können gar nicht anders ihre Arbeit nachweisen. Indem sie einen solchen Artikel verfassen, können sie in ihren Berichten abhaken, dass sie auf diese Weise der verleumderischen Deutschen Welle entgegengewirkt haben.”

Wir bei der Deutschen Welle betrachten den Artikel in der tadschikischen Zeitung “Bisnes i politika” als Kompliment. (MO)